Rund um die Kirchturmsanierung

Steglitzer Matthäus-Kirche erhielt neues Turmkreuz
 Am Sonntag, dem 11. September 2016, feierte die Evangelische Matthäus-Gemeinde mit einem Festgottesdienst um 9:30 Uhr die Bekrönung ihres Kirchturms mit einem neuen, teilvergoldeten Kreuz. Die Festpredigt hielt Bischof Dr. Markus Dröge. Nach einer aufwendigen Turmsanierung erhält die Matthäus-Kirche damit wieder ein Kreuz, das dem ursprünglichen aus dem Jahr 1880 nachempfunden ist. Gleichzeitig läuteten die Kirchenglocken zum ersten Mal nach langer Pause wieder zum Gottesdienst.
 
„Ich bin vor allem gespannt auf den Klang der Glocken, die ich bisher noch nie gehört habe“, freute sich Pfarrerin Rajah Scheepers. Kurz vor ihrem Dienstantritt vor über zwei Jahren wurde ein plötzlicher  Läutestopp verhängt, nachdem Risse an der Turmspitze einen Absturz des Turmkreuzes befürchten ließen. Die darauf folgende Sanierung des Kirchturms kostete 913.000 Euro und wurde von verschiedenen Geldgebern ermöglicht.  Allein die vielen Einzelspender trugen mehr als 125.000 Euro zusammen, unter anderem durch die Übernahme von Steinpatenschaften.

Mit besonderer Spannung wurde Anfang Juli 2016 eine Schatulle aus dem bisherigen Turmkreuzes geborgen: Gemeindevertreter hatten dort im Oktober 1931 bei dem Aufsatz eines Kupferkreuzes Dokumente der Zeitgeschichte für nachfolgende Generationen hinterlassen (Fotos zur alten Schatulle siehe unten). So hatten es auch die Erbauer der Kirche 1880 getan, leider wurden deren Überlieferungen aber 1931 laut handschriftlicher Urkunde vernichtet. In der Schatulle wurden Zeitungsartikel, Geldscheine aus dem Ersten Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit, ein Foto, eine handgeschriebene Urkunde und diverse Publikationen gefunden. Die Unterlagen werden in der Matthäus-Kirche ausgestellt.

Auch das neue Turmkreuz ist mit einer Schatulle  versehen. Neben Reproduktionen der alten Unterlagen enthält sie die Predigt des Bischofs, einen Brief an die Nachgeborenen, eine Urkunde der Pfarrerin sowie einen aktuellen Gemeindebrief.
Fakten
Seit November 2015 wurden exakt 24.550 Steine ausgetauscht, rund 22.680 Meter Fugen ausgefräst, 80 Meter Risse verpresst, 5.000 Edelstahlanker gesetzt, 70 Quadratmeter Putz abgeschlagen, 18 Kubikmeter Schutt abgefahren, 2 Tonnen Strahlsand verarbeitet und 1.000 Kaffeebecher leergetrunken, während der Aufzug ungefähr 1.900 Male rauf- und runter gefahren ist.
Die Sanierung des Matthäus-Kirchturms wurde unter anderem vom Evangelischen Kirchenkreis Steglitz mit 200.000 Euro, der Stiftung Deutsche Klassenlotterie mit 290.000 Euro und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz mit 100.000 Euro ermöglicht.
 wetterfahne
Die Matthäus-Kirche ist eine der ältesten neogotischen Kirchen in Berlin und eine der größten Südberlins, sie fasst mehr als eintausend Menschen. In den 1920er Jahren entwarf der Architekt Otto Rudolf Salvisberg das Gemeindehaus und fügte dieses mit dem bereits bestehenden Park und der zentral liegenden Kirche zu einem Ensemble zusammen.
Weitere Informationen:      
Pfarrerin Dr. Rajah Scheepers
Telefon 030 86 87 01 934
Ev. Matthäus-Kirchengemeinde
Schloßstraße 44, 12165 Berlin
Telefon 030 791 90 44
 
Spendenkonto
Ev. Kirchenkreisverband Berlin Süd-West–Matthäus
Spendenkonto: Evangelische Bank
IBAN: DE 60 5206 0410 2303 9663 99
BIC:  GENODEF1EK1
Verwendungszweck ›Kirchturm‹

Die alte Schatulle mit Inhalten (Auswahl)
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Das neue Turmkreuz der Matthäuskirche in Berlin-Steglitz wurde am 11. September 2016 im Rahmen eines Festgottesdienstes feierlich enthüllt.
Der Film zeigt sowohl die Vorgeschichte als auch den Abschluss der Arbeiten.
Produktion & Redaktion: Matthias Kindler
Bilder Gottesdienst und Drohnen-Aufnahmen: Matthias Kindler
Bilder Anlieferung und Aufbau des Kreuzes: Felix Peschko
Bilder Drohnenübertragung in Kirchenraum und Zoom auf Drohne von
unten: Joachim Grimm


Galerie “Abbau der alten Kirchturmspitze (Kugel und Kreuz)”


Festpredigt zur Bekrönung des Matthäus-Kirchturms

Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Bischof Dr. Dr. h.c. Markus Dröge, Festpredigt zur Bekrönung des Matthäus-Kirchturms, 11. September 2016, Evangelische Matthäuskirche Berlin Steglitz, 2. Timotheus 1,7-10.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

I.
Es ist so weit. Der Blick auf den höchsten Punkt dieser Kirche wird wieder freigegeben. Der Blick auf das Turmkreuz der Matthäuskirche, das dem Original von 1880 nachempfunden ist. Das feiern wir in diesem Festgottesdienst. Er bildet zugleich eine Zäsur und den Abschluss der Restaurierungsarbeiten am Kirchturm. Wir feiern – und wir haben allen Grund dazu – denn das Engagement war enorm in den vergangenen Jahren von 2014 bis 2016. Menschen aus der Stadt, aus dem Bezirk und darüber hinaus und natürlich besonders aus der Kirchengemeinde liegt die Matthäuskirche am Herzen. Und wie das so oft ist – wir erleben das immer wieder auch in den vielen Dorfkirchenprojekten in der EKBO: Wenn es um den Erhalt einer Kirche geht, dann lassen sich viele Menschen mobilisieren: Christinnen und Christen; aber immer auch diejenigen, die sonst eher fern stehen oder sich nicht bewusst zur Gemeinde zählen. Menschen haben ein Gespür dafür, dass die Botschaft einer Kirche größer und weiter ist als die Grenzen der Gemeinde und dass die geistliche Ausstrahlungskraft einer Kirche immer stärker ist als die Wirkung reiner Funktionsräume kirchlicher Arbeit.
Kirchen liegen Menschen am Herzen. Und was einem am Herzen liegt, das pflegt man, damit geht man sorgsam um und lässt es nicht verfallen. Der Turm war ja schon gesperrt. Es war ein Läute-Stopp verhängt worden, als die Risse einen Absturz des Turmkreuzes befürchten ließen. Das Engagement vieler Personen und Institutionen hat das verhindert, so dass die Glocken jetzt wieder läuten können, um Menschen zum Gottesdienst einzuladen; um die heilsame Unterscheidung von Alltag und Feiertag in die Welt hinein zum Klingen zu bringen. So jedenfalls geht es mir, wenn ich in der Stadt die Glocken höre: Ich halte dann immer kurz inne und werde mir bewusst, dass meine Zeit geborgt ist und dass ich hineingerufen bin in eine noch ganz andere Zeit; die Zeit Gottes.
Und dann schließlich das Kreuz. Am höchsten Punkt dieser Kirche. Gleichsam an der Schwelle zwischen Himmel und Erde. Der Blick nach oben, in den Himmel, er wird durchkreuzt. Leuchtend durchkreuzt. Was für ein Zeichen! Ein Kreuz auf einer Kirche. Wir nehmen das heute als viel zu normal, denke ich manchmal. Dieses Zeichen überrascht uns kaum noch; es lässt uns nicht zweifeln oder nachfragen: „Was soll das bedeuten?“ Dabei ist dieses Symbol doch alles andere als einfach.
II.
Das Kreuz. Früher begegnete man ihm als sichtbares Zeichen christlichen Glaubens an unterschiedlichsten Orten. Nicht nur auf Türmen oder in kirchlichen Einrichtungen, sondern in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens. Nicht nur in Häusern der meisten Familien, sondern in jeder Amtsstube, in jedem Gerichtssaal, in jedem Klassen- und in jedem Krankenzimmer hatte das Kreuz seinen hervorgehobenen Platz.
In Westdeutschland war das auch in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg noch der Fall, wenn auch die explizit religiöse Bedeutungsich oftmals abschwächte und das Kreuz mitunter als Zeichen der allgemeinen Wertehaltung und als Kultursymbol wahrgenommen wurde.
In Ostdeutschland dagegen wurde das Kreuz im öffentlichen Raum von Justiz, Schule und Verwaltung nicht geduldet. Das hat vielleicht die explizit religiöse Bedeutung vertieft im Bewusstsein gehalten.
Bis heute ist die Präsenz des Kreuzes im öffentlichen Raum umstritten. Die Debatten darüber stehen exemplarisch für die Frage, welche Bedeutung die christliche Botschaft für die Zukunft unserer Gesellschaft und unseres Staates haben sollte: Und zwar sichtbar haben sollte.
Viele Mitbürgerinnen und Mitbürger kennen heute kaum noch die theologische Bedeutung des Kreuzes. Sie denken an Kaiser Konstantin, der das Kreuzzeichen als Siegeszeichen und Herrschaftszeichen vereinnahmt hat, oder gar an die Kreuzzüge, die die Glaubensbedeutung des Kreuzes geradezu ins Gegenteil verkehrt haben. Ja, das Kreuz reizt heute zur Diskussion. Es hat durchaus auch Gegner.
Ich meine deshalb, dass das neue goldene Kreuz auf der Turmspitze der Matthäuskirche, für Sie, liebe Gemeinde, einerseits der krönende Abschluss einer erfolgreichen Baumaßnahme ist, und das feiern wir heute voller Dankbarkeit – aber das neue Kreuz ist sicher auch der Anfang eines öffentlichen Gespräches, einer Diskussion, die unsere Gesellschaft heute dringend braucht: Was hat das Kreuz Christi uns heute zu sagen? Welche Botschaft sendet es in die Stadt?
Die Botschaft des Kreuzes ist heute vielen nicht mehr bekannt. Vielen kennen die biblische Kreuzesbotschaft nicht mehr, die eigentlich sehr deutlich macht: Das Kreuz ist kein ein Herrschaftszeichen, kein Zeichen eines Sieges, der mit Gewalt und Unterdrückung errungen wird. Nein – es ist das Zeichen Jesu Christi, der in der Ohnmacht der Liebe die Gewalt besiegt hat.
„Achtung Lebensgefahr!“ So ein Schild hing an einem Bauzaun, mit dem der Turm abgesperrt war, als die Risse erkannt worden waren. Ich habe das auf einem Zeitungsbild in einer Veröffentlichung von vor zwei Jahren gesehen. Diese Botschaft – „Achtung Lebensgefahr!“ – ist nun nach der Restaurierung gleichsam an die Spitze dieser Kirche gewandert. Das Kreuz als Sinnbild des Todes, eines Todes, der durch Verrat, Schuld und Gewalt herbeigeführt wurde. „Achtung Lebensgefahr“. Wo das Kreuz ist, da geht es auch um Zweifel und Schuld, um die Grausamkeit und Ungerechtigkeit dieser Welt. Aber vor allem um die Kraft der Versöhnung, weil Christus auferstanden ist und Hass und Gewalt überwunden hat und Gerechtigkeit schafft.
Unsere Welt braucht diese Botschaft! Unsere Gesellschaft braucht die Öffentlichkeit eines solchen Kreuzes, das die Augen nicht verschließt vor den Nöten anderer. Wir brauchen das Kreuz auf den Dächern unserer Kirchen als öffentliches Zeichen für eine Gesellschaft, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und dem Gemeinwohl dient, um deutlich zu machen, dass Frieden mehr zählt, als Rücksichtslosigkeit und Versöhnung wichtiger ist, als immer Recht haben zu wollen, als sichtbares Zeichen der hingebungsvollen, versöhnenden Liebe Gottes in dieser Welt.
III.
Im Predigttext für den heutigen Sonntag, den wir in der Lesung gehört haben, werden wir mit hineingenommen in die Botschaft des Kreuzes. Nicht äußerlich; in dem Abschnitt, den wir gehört haben, kommt das Wort Kreuz noch nicht einmal vor. Die Bedeutung des Kreuzes wird vielmehr von dem äußeren Zeichen hineinübersetzt in die Verbundenheit zweier Menschen. In die Freundschaft von Paulus und Timotheus. Die Botschaft vom Kreuz wird ein Beispiel für das mitmenschliche Leben insgesamt.
„Mein echtes Kind im Glauben“
nennt Paulus Timotheus an einer Stelle. Und er schreibt:
„Leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes.“
Paulus macht damit deutlich:
„Auch im Leiden, im Angesicht des Kreuzes, bleiben wir verbunden, sind wir füreinander da. Egal, was kommt, wir gehören zusammen, daraus gewinnen wir Kraft.“
Wo Menschen das erleben, und miteinander leben, da ist Christus unter ihnen. Da ist Gott ganz nah und da können wir den heilsamen Geist Gottes spüren, die Kraft, von der der Predigttext spricht:
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Kraft, Liebe und Besonnenheit – Grundhaltungen des Glaubens:

  • Kraft, die sich nicht aus sich selbst erschöpft, sondern sich von Gott her nährt.
  • Liebe, die uns miteinander verbindet.
  • Und die Besonnenheit, die eigenen Grenzen und Begrenzungen gelassen tragen zu können.

Mit dieser Versöhnungskraft des Kreuzes können wir aus dem langen Atem Gottes schöpfen.
Dieser „lange Atem“ spiegelt sich im Predigttext wieder. Der lange Atem des Kreuzes, der aus der Verbindung zu Gott und der Freundschaft untereinander erwächst. Davon können wir viel lernen. Sie, in Ihrer Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, alle Mitarbeitenden in Diakonie und Kirche, alle die Verantwortung für das Gemeinwohl tragen und tragen wollen.
Den langen Atem des Kreuzes brauchen wir, in den aktuellen Herausforderungen durch die Menschen, die aus der Not ihrer Heimat zu uns fliehen. Wir brauchen langen Atem, damit das eindrucksvolle Engagement, das es derzeit in der Gesellschaft für Flüchtlinge gibt, (ungebrochen gibt, trotz aller Unkenrufe und Angstparolen!) nicht wie ein Strohfeuer abbrennt und Engagierte ausbrennen. Den langen Atem des Kreuzes brauchen wir, wenn wir heute an die Terroranschläge vom 11. September vor genau 15 Jahren zurückdenken. Anstatt sich weiter und weiter in den Strudel von Gewalt und Gegengewalt hineinzubegeben, brauchen wir die Ahnung des Kreuzes, das bereit ist, Versöhnung zu suchen, neu zu beginnen, die Schwachheiten auf allen Seiten zu erkennen und anzuerkennen, die Friedenswilligen aller Religionen zu sammeln und zu stärken, damit Friede werde; zwischen Menschen und Religionen.
IV.
Das Kreuz. Achtung Lebensgefahr. Ein komisches Wort eigentlich. Müsste es nicht heißen: Achtung Todesgefahr!? Und so kommt in dieser Formulierung unter der Hand doch das Leben wieder ins Spiel. Lebensgefahr.
Wenn der Blick nach oben geht, auf das Turmkreuz der Matthäuskirche, dann sehe ich dort das Leben; im Kreuz spiegelt sich die Verwundbarkeit und Angefochtenheit unseres Daseins, die Verletzlichkeit der Welt. Aber darin scheint eben auch das Wunder des Lebens auf, das uns geschenkt ist, und das Wunder der Versöhnung, die gegen allen Anschein doch immer wieder möglich wird.
Der Blick in den Himmel wird durchkreuzt, hineinverwoben mitten in unser Leben, von Mensch zu Mensch. Wo das geschieht, da wird die lebensschaffende Bedeutung des Kreuzes erfahrbar.
Dafür sind wir Gemeinde, um Kraft, Liebe und Besonnenheit in die Beziehungen hineinzutragen und uns zu öffnen für die Welt. Und das geschieht hier in dieser Gemeinde. Auf vielfältige Weise, nach innen und nach außen. Nah und fern. Durch Musik und Wort, für Alt und Jung, in ökumenischer Weite und diakonischer Verantwortung.
Nehmen Sie, liebe Gemeinde, Ihr neues Kreuz als neuen Ansporn: als Zeichen dafür, dass Sie die Versöhnungsbotschaft des Kreuzes unbeirrt in die Welt tragen, unbeirrt! Denn:
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Amen.